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Islam und zentralstaatliche Strukturen




Das Verhältnis von Islam und Widerstand gegen den Zentralstaat

Kaum einem Thema kommt gegenwärtig derart viel Bedeutung zu wie dem Islam. Die politische Debatte in Deutschland ist dabei im Wesentlichen von der Frage geprägt, ob der Islam, verkörpert durch etwa 4 Millionen Muslime und institutionalisiert durch eine Vielzahl verschiedener Einrichtungen, mit seinen ethischen, politischen, juristischen und sozialen Vorstellungen zur freiheitlich-demokratischen Gesellschaft europäischer Staaten passt. Der seit Jahren global wütende islamische Terrorismus hat der Beantwortung dieser Frage eine zusätzliche Dringlichkeit verliehen, die politische Parteien mehr denn je dazu zwingt, praktikable Lösungsvorschläge anzubieten und den Bürgern ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zu vermitteln.

Obwohl die von islamischen Fundamentalisten gegen westliche Gesellschaften verübte Gewalt seit dem 11. September 2001 eng mit der Außenpolitik der USA verwoben ist, kann Russland in diesem Bereich auf weit mehr Erfahrungen zurückblicken. Im Zuge seiner territorialen Expansion hat es seinem Herrschaftsbereich mehrmals Gebiete einverleibt, die bis heute von einer muslimischen Bevölkerung bewohnt und somit islamisch geprägt sind. Dies hat dazu geführt, dass zahlreiche muslimische Völker ihren Kampf gegen Russland scheinbar im Namen des Islam führten und den Widerstand gegen die russische Expansion zu einer heiligen Pflicht der Muslime sowie zum sakralen Dienst an der Religion erklärt haben.

Das wohl bekannteste Gebiet Russlands, dessen politische Vergangenheit sich mit diesem Paradigma fassen lässt, ist der Nordkaukasus. Wie erwähnt, tobt hier seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ein Kampf zwischen den muslimischen Bergstämmen und Russland, dessen Folgen bis in die jüngste Vergangenheit reichen. Der wohl bekannteste Begriff, den man in Europa mit diesem Konflikt assoziiert, ist Tschetschenien. Wie kaum ein anderes Volk haben die Tschetschenen das Streben der Zaren und deren Nachfolger, ihr Land zu erobern und sie mit Gewalt unter das eigene Zepter zu zwingen, stets mit fanatischem Widerstand beantwortet. Selbst der von Stalin geführten Sowjetunion, die die Tschetschenen am 23. Februar 1944 aus ihrer historischen Heimat nach Zentralasien deportierte, gelang es nicht, sie vom Islam abzubringen, geschweige denn, ihre Renitenz zu brechen.

Im Rahmen meiner Forschungen untersuche ich das Verhältnis von Islam und Widerstand, wobei es vor allem um die Frage geht, inwieweit religiöse Motive für den jahrhundertelangen Kampf gegen den Zentralstaat eine Rolle gespielt haben.

Als im Dezember 1994 der Erste Tschetschenienkrieg begann, nachdem sich Moskau geweigert hatte, auf die Forderungen der Tschetschenen nach politischer Souveränität einzugehen und sie wie Georgier, Armenier, Aserbaidschaner, Ukrainer, Weißrussen, Balten und die zentralasiatischen Turkvölker in die Freiheit zu entlassen, kam es zu einer verheerenden Eskalation der Gewalt. Weitaus wichtiger aber war, dass sich im Zuge zweier Kriege, die Moskau gegen das kleine Kaukasusvolk entfesselte, eine virulente Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus abzeichnete, die nicht nur Tschetschenien, sondern auch den gesamten Nordostkaukasus ins Chaos stürzte und Russland die grausamsten Terroranschläge seiner Geschichte bescherte.

Die Wirkungskraft des Salafismus

Der Befund, dass eine Gesellschaft wie die tschetschenische, die mehr als siebzig Jahren unter dem Einfluss einer Staatsmacht mit atheistischer Doktrin stand, innerhalb kürzester Zeit einen fruchtbaren Nährboden für islamischen Terrorismus entwickelte, hat verschiedene Gründe und lässt sich nur im Rahmen von wissenschaftlichen Forschungen plausibel erklären. Gleichwohl ist der ihm zugrunde liegende Mechanismus auch für das Europa des 21. Jahrhunderts von Bedeutung. Denn im Kontext des aktuellen Weltgeschehens hat die Erkenntnis einen überhaus hohen Wert, der zufolge aus Gesellschaften, die das Zeitalter, da Religionen als politische Kraft in Erscheinung traten, bereits überwunden geglaubt hatten, unter bestimmten Umständen eine unverhoffte Renaissance des religiösen Glaubens erleben. Dabei handelt es  sich um ein Phänomen, das auch Deutschland betrifft.

Vor diesem Hintergrund verfolgen die hier veröffentlichten Beiträge nicht nur das Ziel, den Islam und sein Wiedererstarken am Beispiel Tschetscheniens zu präsentieren, sondern darüber hinaus auch jene Folgen zu beschreiben, die sich aus seiner gegenwärtigen Präsenz in Deutschland ergeben – einer Erscheinung, von der man annehmen darf, dass sie in Zukunft immer größere Bedeutung gewinnen wird.