Tschetschenien, Russland und der Islam - Islamisch geprägter Antisemitismus in Deutschland – eine Analyse
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Islamisch geprägter Antisemitismus in Deutschland – eine Analyse

In der seit Jahren geführten Islam-Debatte ist kein Ende in Sicht. Hatte man nach dem 11. September 2001 zunächst verstärkt über Fragen der inneren Sicherheit und der Integration muslimischer Migranten diskutiert, ist mit islamisch geprägtem Antisemitismus nun ein weiterer Aspekt hinzugekommen.

Als in der vergangenen Woche ein Video publik wurde, das einen jungen Mann zeigt, der am Prenzlauer Berg auf offener Straße antisemitisch beleidigt und mit einem Gürtel geschlagen wird, reagierte die Öffentlichkeit mit Empörung. Unverzüglich entbrannte eine hitzige Debatte darüber, ob sich in Deutschland tatsächlich ein islamisch geprägter Judenhass kultiviert habe. Obwohl man damit endlich eine längst überfällige Diskussion angestoßen hatte, fand eine vertiefte Analyse der Ursachen nicht statt. Doch solange dies nicht passiert, wird eine Lösung des Problems unmöglich bleiben.

Die Verbreitung von Antisemitismus

Fest steht, dass der Antisemitismus tief in der islamischen Welt verwurzelt ist. Dieser Befund lässt sich anhand der ADL-Studie „Global 100“ erheben. Ihr zufolge erklärten 92 Prozent der im Irak befragten Menschen, Personen jüdischer Abstammung abzulehnen. Ferner zeigte sich, dass diese Haltung in den Gebieten des Nahost-Konflikts (Westjordanland und Gaza) kaum stärker ausgeprägt war, wo sich insgesamt 93 Prozent der Befragten zu antijüdischen Überzeugungen bekannten.

Diese Erkenntnis ist erhellend, weil sie das oft als verfänglich geltende Argument entkräftet, der von Muslimen gepflegte Antisemitismus resultiere in erster Linie aus der Existenz Israels. Noch bedeutsamer ist das Folgende. Gemäß der Studie gelten der Mittlere Osten und Nordafrika als judenfeindlichste Regionen der Welt; insgesamt 74 Prozent der autochthonen Bevölkerung vertreten hier antisemitische Ressentiments.

Antisemitismus hat viele Formen

Richtig ist, dass Judenfeindlichkeit auch hierzulande in einer jahrhundertelangen Tradition steht. Bereits im Rahmen des ersten Kreuzzuges (1096–1099), den die europäischen Christen zur Befreiung des Heiligen Landes von muslimischer Herrschaft führten, fiel die jüdische Bevölkerung von Städten wie Trier, Speyer, Worms, Mainz und Köln exzessiven Massakern zum Opfer.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der deutsche Antisemitismus nach 1945 die vulgäre Form physischer Gewalt abgelegt und stattdessen – von einzelnen Akteuren der rechtsradikalen Szene einmal abgesehen – eine andere Gestalt angenommen hat. Dabei handelt es sich um eine Manifestation, die sich vornehmlich im Gewand der „Israel-Kritik“ kleidet und in weiten Teilen der Gesellschaft Salonfähigkeit genießt. Dies ist in aller Klarheit zu kritisieren, bildet aber nicht den Kern des gegenwärtigen Problems.

Dass dieses faktisch eine unverkennbare islamische Konnotation aufweist, ist kein Vorurteil, sondern lässt sich ebenfalls wissenschaftlich belegen. Im Rahmen einer Studie des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung äußerten 81 Prozent der befragten Juden, schon einmal von einer muslimischen Person oder Gruppe angegriffen worden zu sein, wohingegen 61 Prozent verbale Beleidigungen oder Belästigungen erlebt hatten.

Dass solche Daten bislang kaum ernst genommen wurden, dürfte auch daran liegen, dass antisemitische Übergriffe von muslimischer Seite in der Polizeilichen Kriminalstatistik bislang oftmals als „PKM rechts“ vermerkt wurden. Dies war gemäß dem Politikwissenschaftler Fabian Weißrath auch der Fall, als Anhänger der radikalislamischen Hisbollah 2014 auf dem antisemitischen Al-Quds-Tag in Berlin einen Hitlergruß zeigten.

Deutliche Warnzeichen

Tatsächlich mehren sich in Deutschland seit geraumer Zeit Vorfälle, welche die zitierten Studienergebnisse bestätigen. Wenn Kippa tragende Juden im öffentlichen Raum attackiert, jüdische Schüler zu Opfern von Gewalt, im Zentrum Berlins Israelflaggen verbrannt und antisemitische Slogans wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ skandiert werden, wenn in Deutschland praktizierende Imame gegen die „jüdische Besatzung Palästinas“ agitieren und führende Vertreter der Islam-Verbände unverhohlen an israelfeindlichen Kundgebungen teilnehmen, dann hat die Gesellschaft es nicht mit Einzelfällen zu tun, sondern erblickt die hässliche Fratze des islamisch geprägten Judenhasses.

So wichtig es ist, die ursächlichen Zusammenhänge in aller Klarheit herauszustellen, handelt es sich bei dieser Maßnahme lediglich um den ersten Schritt. Wie erwähnt, kann der Antisemitismus islamischer Prägung nicht ohne praktikable Konzepte bekämpft werden. Wie diese aussehen könnten, sollen folgende Überlegungen zeigen.

Eine konservative Theologie

Akzeptiert man die Erkenntnis, dass Antisemitismus in der islamischen Welt tief verwurzelt ist, wird deutlich, dass ein nicht unerheblicher Teil der Verantwortung bei den Islam-Verbänden liegt. Diese Feststellung basiert weniger auf deren tatsächlicher Berechtigung, für „die Muslime“ in Deutschland zu sprechen, als vielmehr auf der Tatsache, dass es sich bei ihnen um Organisationen handelt, die eine konservative Theologie aus dem Ausland importieren und diese in hiesigen Moscheen propagieren.

Der zutiefst reaktionäre Charakter dieser Lehre ist dafür verantwortlich, dass progressiven muslimischen Intellektuellen, die sich um eine liberale Interpretation des Islam bemühen, fanatischer Widerstand entgegenschlägt. Nachdem Professor Mouhanad Khorchide, der das Islam-Zentrum in Münster leitet, 2013 das Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ veröffentlicht hatte, forderten die vier im Koordinationsrat der Muslime (KRM) vertretenen islamischen Verbände, man solle ihm unverzüglich die Lehrbefugnis entziehen, wozu sie auf ein eigens erstelltes Gutachten verwiesen.

Auch nach der 2017 erfolgten Eröffnung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, wo mit Seyran Ateş eine Frau als Imam fungiert und die im Islam obligatorische Geschlechtertrennung außer Kraft gesetzt ist, war Kritik aus dem konservativ-muslimischen Lager im In- und Ausland zu vernehmen. In diesen Tenor stimmte auch DITIB ein, indem sie Ateş vorwarf, insgeheim mit der in der Türkei verbotenen Gülen-Bewegung zu kooperieren.

Somit ist wenig überraschend, dass dieselben Kräfte versuchten, die 2018 getroffene Entscheidung der Berliner Landesregierung zu boykottieren, auch liberale Muslime in die Einrichtung des geplanten Instituts für Islamische Theologie einzubinden. Nach scharfem Protest zogen die Islam-Verbände schließlich ihre Kooperation zurück. Abermals wurde deutlich, dass sie die Deutungshoheit darüber, wie der Islam im 21. Jahrhundert zu lehren sei, für sich beanspruchen und heterodoxe Interpretationen mit offenem Visier bekämpfen.

Strukturelle Probleme

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie man ausgerechnet die Statthalter des konservativen Islam für den Kampf gegen Antisemitismus gewinnen kann. Diese Herausforderung erscheint umso schwieriger, als antijüdisches Gedankengut bereits im Koran enthalten ist. In den überwiegend aus der medinischen Offenbarungsphase stammenden Suren werden Juden nicht nur angeklagt, Gottes Gebote verfälscht zu haben (4:46-49, 5:13), sondern Allah ruft die Gläubigen auch dazu auf, Juden gewaltsam zu bekämpfen (9:29) und erklärt, sie für ihre Verbrechen in Affen und Schweine verwandelt zu haben (4:60).

Anders als man meinen könnte, erweist sich dabei weniger der Umstand als problematisch, dass die Heilige Schrift des Islam derartige Passagen enthält; als Offenbarung, die aus dem 7. Jahrhundert stammt, sollte man sie ohnehin nicht nach heutigen Maßstäben messen. Vielmehr kommt es darauf an, dass konservative Kräfte ihnen noch immer große Bedeutung zumessen.

Aus diesem Grund ist es Aufgabe der Politik, entschieden auf die Islam-Verbände einzuwirken, damit diese endlich einen selbstkritischen Diskurs zulassen, anstatt fortwährend Pressemitteillungen herauszugeben, um ihre Partner in Politik und Gesellschaft nach islamistischen Verfehlungen zu beschwichtigen.

Konkrete Lösungsvorschläge

In letzter Instanz muss es gelingen, sämtliche Inhalte des Koran zu neutralisieren, die faktisch nicht zu den Ideen von Menschenrechten, individueller Freiheit und Aufklärung passen. Diese Forderung ist zwar nicht neu, erweist sich im Kontext der aktuellen Debatte um islamisch geprägten Antisemitismus allerdings als notwendiger denn je.

Um dies zu erreichen, stehen dem Staat zwei Hebel zur Verfügung. Erstens könnte er von dem Grundsatz abrücken, die Islam-Verbände als einzig legitime Vertreter der deutschen Muslime zu akzeptieren. Bereits seit Jahren weisen islamische Intellektuelle wie Hamed Abdel-Samad oder Basam Tibi darauf hin, dass es sich bei diesen ohnehin bloß um ethnisch-nationale Vereinigungen handele und ein homogenes Islam-Kollektiv nicht existiere.

Anstatt wie in Hamburg und Bremen Staatsverträge mit Organisationen zu schließen, deren primäres Ziel gar nicht in Integration, sondern darin besteht, die Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft für ihr konservatives Islamverständnis zu gewinnen, sollte die Politik ihre Gunst konsequent an innere Reformen knüpfen. Die dafür nötigen Impulse ließen sich erzeugen, indem man festlegte, dass künftig keine im Ausland ausgebildeten Imame in deutschen Moscheen mehr wirken können, denen ohnehin jedwede Vorstellung von der hiesigen Lebenswirklichkeit abgeht.

Der Staat ist in der Pflicht  

Um dieser Forderung den nötigen Nachdruck zu verleihen, könnten Bund und Länder jene Zahlungen einstellen, die sie den Islam-Verbänden bislang zur Förderung der Integration gewähren. Dass davon nämlich auch Organisationen profitieren, die nach einhelliger Meinung der Landesämter für Verfassungsschutz eine antidemokratische Agenda verfolgen, ist eine Erkenntnis, die spätestens seit den islamistischen Verfehlungen des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) und DITIB-Nord bekannt sind.

Trotz wiederholter Teilnahme am antisemitischen Al-Quds-Tag in Berlin bzw. der Verbreitung religiöser Hetze gegen Christen und Nichtmuslime besteht zwischen ihnen und dem Hamburger Senat noch immer der im November 2012 geschlossene Staatsvertrag.

Dass auch der in Hinblick auf seine tatsächliche Bedeutung stark überschätzte „Zentralrat der Muslime“ gemäß einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster von November 2017 nicht die Voraussetzungen erfüllt, um den Status einer Religionsgemeinschaft zu tragen, erleichtert die Umsetzung obiger Maßnahmen, da nur Religionsgemeinschaften gemäß Artikel 4 des Grundgesetzes unter besonderem Schutz stehen.

Die Verantwortung Deutschlands

Gleichwohl wäre es falsch, ausschließlich islamische Funktionäre und deren Organisationen in den Blick zu nehmen. Stattdessen sollte sich auch die Zivilgesellschaft einer schonungslosen Debatte stellen. Viel zu oft hat man in der Vergangenheit von Muslimen vorgetragene, antisemitische Übergriffe mit dem Verweis relativiert, Judenhass sei kein genuin islamisches, sondern vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Wie erwähnt, ist dieser Befund sicher nicht völlig falsch, jedoch zeigt das Beispiel Frankreichs, wo seit Jahren jüdische Menschen von Islamisten ermordet werden, dass durchaus Anlass besteht, ihn kritisch zu hinterfragen.

Seit ihrer Konstitution fühlt sich die Bundesrepublik Deutschland aus gutem Grund dem Schutz jüdischer Menschen verpflichtet. Die daraus erwachsene Verantwortung impliziert allerdings auch, dafür zu sorgen, dass die deutsche Gesellschaft ihr Interesse bewahrt, sich aktiv an dieser Aufgabe zu beteiligen. Dies setzt jedoch ein geschärftes Problembewusstsein voraus, das in Hinblick auf die Rolle konservativer Muslime bislang bestenfalls trübe gewesen und erst durch den aktuellen Vorfall vom Prenzlauer Berg in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten ist.

Dass sich nun immer mehr Spitzenpolitiker mit religiös motiviertem Antisemitismus beschäftigen, zeigen die Initiativen von Bundestagsfraktionsführer Volker Kauder (CDU) und Familienministerin Barley (SPD). Beide haben sich unlängst dafür ausgesprochen, Schulen künftig eine Meldepflicht für judenfeindliche Übergriffe aufzuerlegen.

Dies ist richtig und gut, da der deutsche Staat die historische Verantwortung trägt, jedwede Form von Antisemitismus entschlossen zu bekämpfen. Nun hat er Gelegenheit zu zeigen, inwieweit er diesem Anspruch auch im Jahr 2018 noch zu entsprechen in der Lage ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

About the author

Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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