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Die Rolle der Tschetschenen für das Berliner Bandenwesen

Die zunehmende Aktivität tschetschenischer Banden hat innerhalb der organisierten Kriminalität zu tiefen Umwälzungen der Machtverhältnisse geführt. Ein Blick auf die Hintergründe zeigt, dass diese Entwicklung kein Zufall ist.

Wie das Bundeskriminalamt unlängst bestätigte, hat in der Hauptstadt ein neuer Akteur das Parkett des organisierten Verbrechens betreten. Als Angehörige illegaler Gruppierungen stünden bis zu 250 Tschetschenen im Fokus der Sicherheitsbehörden, die aufgrund ihrer Gewaltbereitschaft bereits einträgliche Geschäftsfelder wie den Berliner Rauschgifthandel unter ihre Kontrolle gebracht hätten und im Vergleich zu Konkurrenten als besonders skrupellos gölten.

Eine zu lang verkannte Gefahr

Angesichts der Vielzahl von Meldungen, die während der vergangenen Jahre über in deutschen Großstädten operierende Banden publik wurden, mag dieser Befund trivial erscheinen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass sich mit den Tschetschenen gerade eine Fraktion in der Berliner Unterwelt etabliert, die dazu fähig ist, zahlreiche ihrer Teilbereiche zu übernehmen.

Wer Erklärungen für dieses Phänomen sucht, muss komplexere Prozesse berücksichtigen, als gewöhnlich in Erwägung gezogen werden, da man die von tschetschenischen Banden ausgehende Bedrohung lange verkannt hat. Bislang waren Tschetschenen vor allem als Islamisten in Erscheinung getreten; zudem wirkt sich aus, dass arabische Großfamilien, ohne deren Kenntnis in Berlin längst keine Geschäfte mehr abgewickelt werden, mitunter bis zu 800 Mitglieder zählen, was es der Polizei faktisch unmöglich macht, ihren Machenschaften Einhalt zu gebieten.

Daraus hat die Politik den Schluss gezogen, ungleich kleinere Gruppierungen wären potentiell weniger gefährlich; dies ist zwar plausibel, erweist sich im Falle der Tschetschenen jedoch als Trugschluss, deren Schlagkraft noch nie auf numerischer Stärke basiert hat. Gemäß der polizeilichen Kriminalstatistik des Landes Berlin hatten russische Staatsbürger 2016 lediglich einen Anteil von 1,2 Prozent an der Gruppe der Tatverdächtigen; wie viele von ihnen aus Tschetschenien stammen, bleibt unklar. Um auseinanderzusetzen, warum es ausgerechnet Tschetschenen gelingt, sich mit immer größerem Erfolg im kriminellen Milieu zu behaupten, muss verschiedenen Einflussfaktoren Rechnung getragen werden.

Ein neuer Typ von Kriminellen

Durch die Erfahrungen ihrer Geschichte bedingt, verfügen manche Tschetschenen über eine Reihe von Eigenschaften, die in der organisierten Kriminalität gefragt sind. Bereits zu Zarenreiten hatte das muslimische Kaukasusvolk sämtliche Versuche seiner Unterwerfung stets mit fanatischem Widerstand beantwortet und auch das sowjetische Primat bis zuletzt infrage gestellt. Diese aversive Haltung gegenüber staatlicher Autorität vermochte auch die 1944 auf Befehl Stalins ins Werk gesetzte Deportation nicht zu ändern.

Stattdessen begannen die Tschetschenen, eine Verhaltensweise zu internalisieren, die in der Verbannung (1944–1957) das Überleben ihres entwurzelten Volkes sicherstellte und gegen Ende der 1980er Jahre Kriminellen aus ihren Reihen zugute kam – die konsequente Abschottung des ethnosozialen Systems gegenüber Fremden. Folglich zeichnen sich tschetschenische Communities bis heute auch jenseits krimineller Sphären dadurch aus, Interna nicht nach außen zu tragen, während Denunziantentum als unverzeihliche Verfehlung gilt, die einem Ehrverlust gleichkommt.

Dass sich auch die Solidarität tschetschenischer Straftäter auf den engen Kreis der eigenen Volksgruppe beschränkt, ist eine Tatsache, die bereits im Namen Bestätigung findet, den sich ihre bekannteste Gruppierung gegeben hat, die Guerilla Nation Vaynakh. Dieser rekurriert auf das Ethnonym „Wainache“, das im Tschetschenischen die Bedeutung „unsere Leute“ hat und auch die Inguschen mit einbezieht, die gemeinsam mit den Tschetschenen die wainachische Ethnie bilden.

Schaffung ethnisch homogener Strukturen

Obwohl tschetschenische Banden eng mit den Angehörigen anderer Nationalitäten kooperieren, kann die Bedeutung dieser Zusammenhänge kaum überschätzt werden. Dabei geht besonders die in westlichen Medien weit verbreitete Auffassung fehl, diese Loyalität hätte etwas mit dem traditionellen Sozialgefüge der Tschetschenen zu tun, das sich in etwa 155 Klans manifestiert. Tatsächlich hatten die Sippenverbände ihre ursprüngliche Bedeutung bereits vor über 100 Jahren verloren und verfügen heute bestenfalls noch über ideellen Charakter.

Gleichwohl darf die Inszenierung der Guerilla Nation Vaynakh, die stark an das Auftreten etablierter Rockerclubs erinnert, nicht darüber hinwegtäuschen, dass das mittelfristige Ziel der Organisation in der Schaffung ethnisch homogener Strukturen besteht, innerhalb derer das von ihren Mitgliedern eingebrachte Potential erst zur vollen Entfaltung gelangt. Insofern wird man sagen können, dass tschetschenische Kriminelle im Format der Rockerclubs ein geeignetes Vehikel zur Abwicklung ihrer Geschäfte gefunden haben.

Das beachtliche Durchsetzungsvermögen der Tschetschenen ist ebenfalls historisch erklärbar; im Gegensatz zu Europa, dessen Gesellschaften Gewalt seit 1945 nachgerade marginalisiert haben, stellt sie im Nordkaukasus bis heute eine legitime Handlungsweise zur Lösung von Konflikten dar.

Mithin zeichnet der jahrhundelange Abwehrkampf gegen den Zentralstaat dafür verantwortlich, dass sich in der Mentalität der Tschetschenen eine Affinität zu Gewalt verankert hat. In Kombination mit der geringen Akzeptanz staatlicher Strukturen, die Russland stets gegen ihren Willen oktroyierte, ist eine Prägung entstanden, die sich Kriminelle dienstbar machen.

Diebe im Gesetz waren machtlos

Wer wissen will, wie schlagkräftig das tschetschenische Bandenwesen tatsächlich ist, werfe einen Blick auf die jüngere Vergangenheit Russlands. Unter den Folgen des Systemwechsels leidend, hatte der russische Staat in den 1990er Jahren große Probleme, sein Gewaltmonopol zu behaupten, weshalb das organisierte Verbrechen florierte und Angst und Schrecken verbreitete.

Selbst die berüchtigten Diebe im Gesetz, deren Organisation in von den Bolschewiki geschaffenen Arbeitslagern entstanden war und seither einem Katalog strenger Gesetze folgt, hatten den Tschetschenen nichts entgegenzusetzen, die dafür bekannt waren, uneingeladen auf ihren Versammlungen zu erscheinen und umgehend das Feuer aus automatischen Waffen zu eröffnen.

Die Fähigkeit, bereits aus einem kleinen Personenkreis heraus eine enorme kriminelle Energie zu entfalten, ist nicht zuletzt eine Folge dessen, dass Tschetschenen insgesamt besser miteinander kooperieren können als andere Volksgruppen. Da in ihrer Heimat ein originärer Verhaltenskodex gültig ist, der nahezu sämtliche Bereiche des Lebens normiert, fällt es ihnen leicht, Angelegenheiten einvernehmlich zu regeln. Daran ändert auch nichts, dass dieser Kodex eigentlich positiv interpretiert wird und tugendhaftes Verhalten definiert.

Der deutsche Staat wird nicht respektiert

Im Analogieschluss zu den 1990er Jahren lässt sich sagen, dass tschetschenische Kriminelle auch Deutschland als einen im Kern schwachen Staat wahrnehmen, dessen Autorität sie nicht akzeptieren. Noch bedeutsamer ist das Folgende: im Gegensatz zu Moskau, das trotz schwerer Krise schließlich zu autoritärer Stärke zurückfand, scheint Berlin resigniert zu haben. Anstatt der ausufernden Gesetzlosigkeit entschlossen entgegenzutreten, hatte die ehemalige Landesregierung den Polizeiapparat bis 2016 kontinuierlich abgebaut, woraufhin ihre Nachfolgerin den akuten Personalmangel durch die Verpflichtung dubioser Personen zu kompensieren suchte.

Diese operative Schwäche haben auch die tschetschenischen Banden registriert, deren Ziel es ist, sich von den arabischen Großclans zu emanzipieren, wie es einst die albanische von der italienischen Mafia getan hatte. Hinzu kommt, dass die Scheidelinien gegenüber dem islamistischen Milieu, wo Tschetschenen längst den Ton angeben, äußerst schwach konturiert sind. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das sich bereits während des Ersten Tschetschenienkrieges (1994–1996) zeigte, als es den Kadern der Mafia überaus leichtfiel, ins Lager der Dschihadisten zu wechseln.

Tschetschenien – die sicherste Region Russlands

Während tschetschenische Kriminelle in Deutschland damit beschäftigt sind, sich als souveräne Kraft zu etablieren, gilt ihre Heimat paradoxerweise als sicherste Region Russlands. Dem am 25. September 2017 veröffentlichen föderalen Kriminalitätsbericht zufolge weist Tschetschenien im nationalen Vergleich die insgesamt niedrigste Verbrechensrate auf. Innerhalb eines Jahres entfielen hier auf 10.000 Personen lediglich 17 Delikte, darunter nur 4 Kapitalverbrechen. In der autonomen Republik Tywa, die im Süden an China grenzt und als kriminelle Hochburg der Russischen Föderation gilt, betrugen die Vergleichswerte hingegen 182/37.

Angesichts der prekären Gesamtlage, die Berlin seit Jahren zu schaffen macht, täte die Politik gut daran zu begreifen, dass es sich bei den Tschetschenen um eine überaus gefahrvolle Fraktion handelt, deren Entschlossenheit nur von ihrer Durchsetzungsstärke übertroffen wird. Sie verfügt über ein Potential, dessen Entfaltung am effektivsten gestört werden kann, indem die geltenden Gesetze mit äußerster Strenge Anwendung finden. Obwohl es aus heutiger Sicht unmöglich ist, verlässliche Prognosen abzugeben, steht fest, dass der Rechtstaat bei dem Versuch, tschetschenischen Banden das Handwerk zu legen, auf eine denkbar harte Probe gestellt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

About the author

Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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