Europa, Russland und der Islam - „Inside Chechnya“ – Teil 3: Die Bergwelt
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„Inside Chechnya“ – Teil 3: Die Bergwelt

Nachdem ich sowohl das dörfliche Umland, als auch Grozny ausgiebig erkundet hatte, war es schließlich soweit. Nach mehreren Tagen Vorbereitung sollte meine Reise in die Berggebiete Tschetscheniens beginnen. Bis heute hat es in meinem Leben kein Ereignis gegeben, die mich gleichzeitig ebenso sehr faszinierte, wie es mich mit Schrecken erfüllte.

Bei dem Vorhaben, für mehrere Tage in die Berge zu reisen, handelte es sich um einen Schritt, der in der Rückschau aufgrund seines unkalkulierbaren Risikos als großes Wagnis erscheint. Obwohl die tschetschenische Regierung Erfolg damit hat, die Ebene des Landes flächendeckend zu kontrollieren, ist sie bis heute daran gescheitert, das Gebirge zu beherrschen – eine Region, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert als Epizentrum von antirussischem Widerstand im Nordostkaukasus gilt.

Der gefährlichste Teil Tschetscheniens

Auch während der beiden Kriege gegen Moskau hatten die Tschetschenen die Unwegsamkeit des Gebirges zu ihren Gunsten genutzt. Von hier aus wurde im Sommer 1996 die Rückeroberung Groznys organisiert, hierhin ziehen sich bis heute die autonom operierenden Zellen des islamistischen Untergrundes zurück. Aufgrund der akuten Gefahr, verschleppt oder ermordet zu werden, ist es für Fremde unmöglich, allein in die Berge zu reisen. Dass dieser Grundsatz für mich nicht galt, war einzig dem Umstand geschuldet, dass ich unter dem Schutz der Familie meines Gastgebers stand.

Ein Schritt ins Ungewisse

Als wir mit dem Auto am frühen Morgen in südlicher Richtung aufbrachen, wurde ich für einen Moment lang unsicher, ob ich das Risiko einer Entführung tatsächlich auf mich nehmen wollte. Plötzlich musste ich an meine Familie denken, der ich nichts von meinem Vorhaben erzählt hatte. Auch schossen mir Bilder von Menschen durch den Kopf, die in Tschetschenien für ihren Leichtsinn, das Gebirge zu betreten, mit dem Leben bezahlen mussten.

Alle von ihnen waren in die Hände des Kaukasus-Emirats geraten und bereits nach kurzer Zeit ermordet worden. Dabei handelt es sich um ein Schicksal, das selbst Einheimische ereilen kann – so auch einen jungen Polizeibeamten aus Dagestan, der in den Bergen unlängst beim Grillen von Kämpfern der Terrororganisation überrascht und vor laufender Kamera hingerichtet wurde.

Der Schutz meiner Familie

Dass ich trotz dieser mahnenden Beispiele letztlich nicht umkehrte, lag einzig an dem Vertrauen, dass ich mittlerweile zu meinem Gastgeber gefasst hatte. In zahlreichen Gesprächen hatte dessen Vater mir versichert, dass man meine Sicherheit als persönliche Pflicht betrachte, deren Verletzung einem Ehrverlust gegenüber der Gesellschaft gleichkomme. Tatsächlich unterliegt der Schutz von Fremden in Tschetschenien seit jeher dem Gastrecht, das die Bergvölker des Kaukasus uneingeschränkt miteinander teilen. Da wir trotzdem nichts dem Zufall überlassen wollten, führte unser Fahrer eine Pistole des Typs Makarov, ein AK-47 Sturmgewehr sowie drei Magazine mit sich, das jederzeit griffbreit in unserem Wagen lagen.

Militärische Posten

Bereits kurze Zeit, nachdem wir das Gebirge erreicht hatten, stellte ich fest, dass die unbefestigten Schotterstraßen in regelmäßigen Abständen durch militärische Stützpunkte gesichert waren. Jeder von ihnen war durch eine Straßensperre befestigt und verfügte über ein kleines, mit Sandsäcken und Betonstrukturen verstärktes Kommandogebäude, in dem sich mehrere Soldaten aufhielten.

Jedes Mal, wenn unser Auto einen solchen Ort passierte, mussten wir unsere Dokumente vorzeigen. Dies hatte polizeiliche Gründe, wollten die Behörden doch wissen, wer sich zu welchem Zeitpunkt in den Bergen aufhielt. Außerdem musste unser Fahrer zuvor sein Gewehr zerlegen und dessen Einzelteile im Auto verstauen. Dass ihm dieser Vorgang schnell von der Hand ging, zeigte mir, dass er ohne Zweifel über militärische Kenntnisse verfügte.

Die Schönheit der Bergwelt

Bei der Passage des letzten Wegpunktes, der uns noch vom offenen Gebirge trennte, erkannte ich an der schweren Bewaffnung der Soldaten, dass man hier offenbar jeder Zeit mit Angriffen rechnete. Als wir wenige Augenblicke später das Hochgebirge erreichten, kam die naturräumliche Schönheit der tschetschenischen Bergwelt erstmals zur vollen Entfaltung. Schneebedeckte Gipfel, die den großen Kaukasushauptkamm miniaturhaft zierten, sowie zahlreiche Berge, in malerischer Schönheit von schmalen Straßen umrankt, versetzten mich mehrfach in ehrfürchtiges Staunen. Beim Anblick dieser Pracht musste ich aber auch an die Tücke denken, die ihrer Schönheit innewohnte und bereits zahlreichen unbedarften Menschen das Leben gekostet hatte.

Ein wildes Land

Im Gegensatz zu den Alpen verfügt der Nordostkaukasus nur über eine rudimentäre Infrastruktur. Da es im Gebirge kaum asphaltierte Straßen gibt, muss man als Fahrer äußerst behutsam vorgehen. Ansonsten besteht die Gefahr, von der Strecke abzukommen und in die Tiefe zu stürzen. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass man sich unter diesen Bedingungen nur äußerst langsam fortbewegen kann, was einer der Gründe für die Unmöglichkeit ist, das Terrain militärisch zu kontrollieren.

Während der Fahrt hielten wir mehrmals an, weil ich die Atmosphäre der Bergwelt fotografisch dokumentieren wollte.

Die Spuren der Kämpfe

Die Nacht verbrachten wir in einem Zelt, das wir aufgrund des steinigen Bodens jedoch nicht ohne weiteres aufbauen konnten. Am nächsten Tag ließen wir unser Auto gegen Mittag am Wegesrand zurück und stiegen über steile Felsen in eine nahegelegene Schlucht hinab, durch die ein kleiner Bach floss. Als ich mich daran machte, das herniederströmende Quellwasser zu sammeln, um einen Schluck davon zu kosten, stellte ich fest, dass der Erdboden mit Patronenhülsen übersäht war. Meine Begleiter und ich waren uns einig, dass hier intensive Feuergefechte stattgefunden haben mussten. Da wir jedoch nicht sagen konnten, ob sich diese während der Kriege gegen Moskau oder in jüngerer Vergangenheit ereignet hatten, brachen wir rasch wieder auf. Zu groß schien die Gefahr, Untergrundkämpfer zu treffen.

Historische Wehrtürme

Auf unserer Fahrt durch die Berge stießen wir immer wieder auf alte Befestigungsanlagen der Tschetschenen. Bei diesen Bauwerken handelt es sich um Wehrtürme, die aus der Zeit stammen, da die Tschetschenen noch überwiegend im Gebirge lebten. Aus den militärischen Quellen des 19. Jahrhunderts war mir bekannt, wie schwer es für die zaristischen Truppen damals gewesen war, diese festungsartigen Strukturen zu überwinden.

Wie ich erfuhr, sollen die Russen während ihrer Kriege gegen die Tschetschenen viele von ihnen zerstört haben, so dass ihre Anzahl heute deutlich geringer ausfällt als früher.

Ein kalter Bergsee

In den frühen Abendstunden schlugen wir unser Lager am Ufer des Kesenoiam-Sees auf. Dieser ist der größte seiner Art und verbindet Tschetschenien im Südosten mit Dagestan. Eine Stunde nach unserem Eintreffen bemerkten wir, wie sich auf der uns gegenüberliegenden Seite eine Vielzahl von Gestalten in unsere Richtung bewegte.

Zu unserer Erleichterung stellte sich heraus, dass es sich dabei lediglich um Schafhirten aus Dagestan handelte, die mit ihren Herden vorbeizogen und dem Andi-Stamm, einer Untergruppe der Awaren, angehörten. Erst als schließlich die Dämmerung einsetzte, konnten wir sicher sein, bis zum Morgen ungesehen zu bleiben. Gleichzeitig zwang uns die nun einsetzende Kälte, das Lager nicht mehr zu verlassen.

Die denkbar größte Ehre

Am nächsten Tag trafen wir nach etlichen Stunden Fahrt in dem Ort Itum-Kale ein. Dieser ist das Zentrum des gleichnamigen Bezirks und gilt als relativ sicher, weil die Regierung hier aufgrund einer nahegelegenen Militärbasis rasch mit Truppen intervenieren kann. Deswegen hat sie dort einen Museumskomplex errichtet, der über das Leben der „Lomaroj“ genannten Bergtschetschenen informiert.

Als ich vom dortigen Personal eine Einweisung erhielt, stellte dieses fest, dass ich Experte für ihre Heimat war. Da man meine Arbeit als großen Dienst um das tschetschenische Volk würdigte, wurde mir die Ehre zuteil, eines der im Museum exponierten Nationalkostüme anzuziehen – eine Geste der Anerkennung, die ich nie vergessen werde.

Visite bei Schamil Basaev

Auf unserem Rückweg in die Ebene durchquerten wir auch das Dorf Vedeno, die Heimstätte Schamil Basaevs. Auf der Hauptstraße des Ortes findet man heute ein Schild mit der Aufschrift „Šamil Chutor“, was im Russischen „Schamils Hof“ bedeutet und Besuchern den Weg zum Geburtshaus des meistgesuchten Terroristen Russlands weist.

Die Tatsache, dass das Gebäude heute offenbar als eine Art inoffizieller Wallfahrtsort gilt, wirft die Frage auf, wie Schamil Basaev von der einheimischen Bevölkerung gesehen wird. Ich kann sagen, dass man mir in mehreren Gesprächen überwiegend Positives über ihn erzählte. Beinahe schien mir, als werde Basaev in Tschetschenien heute als Freiheitskämpfer verehrt, der einzig zum Wohle seines Volkes gehandelt habe.

Das Ende der Reise

Am dritten Tag unserer Exkursion durch die Berge fiel mir der große Unterschied auf, der diesen Landesteil von der Ebene trennte. Jenseits des letzten Wegpunktes hatte ich keine Angehörige der Sicherheitskräfte mehr gesehen. Dies wertete ich als Beleg dafür, dass das Terrain zu viele Möglichkeiten für Angriffe aus dem Hinterhalt bietet und deswegen von den Regierungstruppen gemieden wird.

Unter diesen Bedingungen können sich Kämpfer des Kaukasus-Emirats ungehindert nach Dagestan sowie in das georgische Pankissi-Tal absetzen, das sie seit den Tschetschenienkriegen als Rückzugsraum nutzen. Schließlich hatte ich registriert, dass die wenigen Einheimischen, die ich im Gebirge zu Gesicht bekam, meine Anwesenheit mit skeptischen Blicken beäugten – ein Beweis dafür, dass man dort bis heute kaum an Fremde gewöhnt ist.

Als wir am Abend schließlich im Haus meines Gastgebers eintrafen, wurden wir von dessen Familie bereits erwartet. Damals glaubte ich, endlich verstanden zu haben, warum die Tschetschenen der russischen Expansion seit 250 Jahren erfolgreich Widerstand entgegensetzen. Ein Volk, so meine These, das dazu in der Lage sei, unter den unwirtlichen Bedingungen von kargem Fels zu überleben, müsse zwangsläufig eine weitaus größere Leidensfähigkeit entwickeln als jene, die fruchtbare Länder bewohnten. In Erinnerung an die vernichtenden Niederlagen, die das russische Militär hier im Lauf der Geschichte erlitten hatte, kam mir ein altes tschetschenisches Sprichwort in den Sinn, dessen Bedeutung ich nun erstmals nachempfinden konnte. In deutscher Sprache lautet es: „Große Berge gebären große Männer.“

About the author

Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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