Europa, Russland und der Islam - Das Kaukasus-Emirat: Genese, Struktur und Aktivitäten
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Das Kaukasus-Emirat: Genese, Struktur und Aktivitäten

Der Terroranschlag vom 3. April 2017, bei dem ein Selbstmordattentäter in der St. Petersburger Metro 73 Menschen verletze und 14 weitere in den Tod riss, hat den Hoffnungen der russischen Gesellschaft, den islamischen Terrorismus überwunden zu haben, ein jähes Ende bereitet. Obwohl der Täter, bei dem es sich um einen 22-jährigen Kirgisen handelt, mittlerweile identifiziert worden ist, bleiben die Hintergründe des Anschlags unklar. Eine der Spuren, denen die Ermittler gegenwärtig nachgehen, führt in den Nordkaukasus – eine Region, die seit Jahrzehnten geplagt ist von der Gewalt islamischer Gotteskrieger.

Obwohl es sich bei islamischem Terrorismus ohne Zweifel um ein globales Phänomen handelt, sind seine Ausprägungen seit 2014 untrennbar mit dem Islamischen Staat verbunden. Die Grausamkeit, von der dessen Verbrechen in Syrien, dem Irak und Europa geprägt sind, hat bei vielen Menschen zu der trügerischen Überzeugung geführt, der IS sei eine unikale Erscheinung. Dass dieser Befund jedoch falsch ist, zeigt das Beispiel des Kaukasus-Emirats, das als gefährlichste Terrororganisation Russlands gilt und für die blutigsten Anschläge in der Geschichte des Landes verantwortlich ist.

Die Genese des Emirats

Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, der islamische Terrorismus in Russland habe seine Ursprünge im Ersten Tschetschenienkrieg, lassen sich seine Wurzeln bis in die 1980er Jahre zurückverfolgen. Ab 1986 versuchte Michail Gorbatschow, der UdSSR, die in jenen Tagen an einer stagnierten Wirtschaft sowie einer verkrusteten politischen Kultur litt, durch ein umfassendes Reformwerk neues Leben einzuhauchen. Die Liberalisierungen der Perestroika betrafen auch die staatliche Religionspolitik, die seit Nikita Chruschtschow von einer rigiden atheistischen Doktrin bestimmt war.

Kampf gegen Religion

Da die sowjetische Regierung mit ihrem Dekret vom 13. Januar 1960 über „Maßnahmen zur Liquidierung von Verstößen der Geistlichkeit gegen die sowjetische Gesetzgebung zu religiösen Kulten“ einen regelrechten Kampf gegen religiöse Traditionen im Alltag entfesselt hatte, wodurch die orthodoxe Kirche mit der Zeit einer weitgehenden Marginalisierung anheimfiel, wurde auch das islamische Leben im Nordkaukasus nahezu vollständig in Untergrund gedrängt. Dass der Islam im Kreml bis zuletzt als Bedrohung wahrgenommen wurde, belegt ein Beschluss des Zentralkomitees des Politbüros vom 18. August 1986, der die „Intensivierung des Kampfes gegen den Einfluss des Islam“ zum Ziel hatte.

Die islamische Wiedergeburt

Als die Repressionen des sowjetischen Zentralstaates im Zuge der Perestroika plötzlich ausblieben, kam es im gesamten Nordkaukasus zu einer Renaissance des Islam. Innerhalb kürzester Zeit entstanden überall religiöse Organisationen, die in Hinblick auf die sich abzeichnende Systemkrise rasch ein politisches Mitspracherecht forderten. Zu den wichtigsten von ihnen zählte die 1990 in Astrachan gegründete „Partei der Islamischen Widergeburt“, deren Zentrum in Dagestan lag. Andere Parteien waren die „Grüne Bewegung“ und der „Islamische Weg“. Sogar eine Filiale der Muslim-Brüder soll zu jener Zeit in Tschetschenien existiert haben. Bereits 1989 war in Grozny erstmals öffentlich die Forderung formuliert worden, der Koran müsse die Konstitution der postsowjetischen Gesellschaft sein.

Islamische Infrastruktur

Allein im Zeitraum von 1989 bis 1991 wurden zwei islamische Universitäten sowie 211 Moscheen in Tschetschenien eröffnet; in Dagestan betrug die Anzahl islamischer Gotteshäuser hingegen mehrere Tausend. Um zu verstehen, welche Dynamik dieser Entwicklung zugrunde lag, muss man wissen, dass es zu Beginn der 1980er Jahre in der gesamten UdSSR nicht mehr als 1.300 Moscheen gegeben hatte. Angesichts des hohen Tempos, mit dem der Islam im gesamten Nordkaukasus seinen neuen Platz in der Gesellschaft suchte, wurde klar, dass die sowjetische Religionspolitik trotz ihres repressiven Charakters fulminant gescheitert war.

Importierter Wahhabismus  

Da es den muslimischen Gemeinden jedoch an gut ausgebildetem Personal mangelte, verließen zu Beginn der 1990er Jahre Tausende Nordkaukasier ihre Heimat, um für einige Jahre in muslimischen Ländern wie Ägypten, dem Jemen, Algerien, Kuweit oder Saudi-Arabien den Islam zu studieren. Dabei kamen sie rasch mit dem Wahhabismus in Kontakt. Dies hatte zur Folge, dass sie den im Nordkaukasus historisch verwurzelten Sufismus, eine auf die Mystik des Transzendenten ausgerichtete Strömung im Islam, als Häresie ablehnten und stattdessen die Etablierung einer ultraorthodoxen Variante der muslimischen Religion forcierten. Somit überrascht es nicht, dass auch die Angehörigen der späteren Führungsriege des Emirats zu dieser Personengruppe gehörten. Als besonders verhängnisvoll stellte sich zudem heraus, dass die Auslandsreisen junger Koranschüler damals von der offiziellen Verwaltung der Muslime des Nordkaukasus gebilligt wurden, deren Vorsitzender Achmat Kadyrov war.

Ethnische Umwälzungen

Einer der Hauptgründe für die Reislamisierung des Nordkaukasus bestand in einer nachhaltigen Veränderung der ethnischen Verhältnisse. Während der Sowjetzeit hatten sich in jeder Kaukasusrepublik bedeutende russische Minderheiten herausgebildet, die im Zuge der Systemkrise einer regressiven Entwicklung unterlagen und im Laufe weniger Jahre massiv schrumpften. Infolge der tschetschenischen Revolution und des darauffolgenden Krieges war der Anteil der Russen an der Gesamtbevölkerung Tschetscheniens von Prozent 25,81 Prozent im Jahre 1989 bis 2002 auf 3,7 Prozent gesunken.

Russischer Exodus

Diese Entwicklung setze sich auch in der Folgezeit weiter fort, wodurch der Vergleichswert 2010 nur noch bei 1,9 Prozent lag. Damit hatte sich der russische Bevölkerungsteil seit 2002 um weitere 60 Prozent reduziert. Aber auch für die anderen Regionen des Nordkaukasus ist ein russischer Exodus nachweisbar, dessen Schwerpunkt eindeutig im Osten der Region lag. Gemäß dem Zensus von 2010 waren damals nur noch 3,6 Prozent der Bewohner Dagestans Russen. In Inguschetien betrug ihr Anteil hingegen nur noch 0,78 Prozent.

Die Tschetschenienkriege

Zwar war der Tschetschenienkonflikt nicht für die Entstehung von islamischem Fundamentalismus verantwortlich, wohl aber lässt sich ihm eine Katalysator-Funktion für die Verbreitung des Wahhabismus attestieren. Durch den faktischen Kollaps, den die tschetschenische Staatlichkeit durch den ersten Krieg erlitt, verlor die am 8. Juni 1991 von der separatistischen Bewegung um General Dudaev proklamierte „Republik Itschkerien“ immer mehr an Gewicht. In diesem Klima gelang es einzelnen Feldkommandeuren, ihren Einfluss im Land zu etablieren, wozu ein Teil von ihnen, wie etwa Schamil Basaev und Salman Raduev, ein strategisches Bündnis mit den Wahhabiten schloss.

Spaltung des Widerstands

Als sich im Jahr 2000 abzeichnete, dass Moskau den Zweiten Tschetschenienkrieg militärisch gewinnen würde und Achmat Kadyrov nach einer Einigung mit dem Kreml, die ihn später zum Präsidenten seiner Heimat machte, im selben Jahr die Seiten wechselte, spaltete sich der tschetschenische Widerstand in einen nationalistisch-säkularen und einen islamistischen Flügel. Während die Nationalisten um Achmat Zakaev in die Diaspora flohen und Kadyrovs Anhänger mit Moskau kooperierten, zogen sich die Islamisten in die Berge zurück, um ihren Kampf von dort aus fortzusetzen.

Dschihad gegen Moskau

Dass die Republik Itschkerien faktisch bereits zu Beginn des zweiten Krieges die Wandlung von einem separatistischen Staat zu einer islamischen Terrororganisation vollzogen hatte, kann man daran erkennen, dass nun auch ihr dritter Präsident Aslan Maschadov, der 1996 per Dekret die Scharia in Tschetschenien eingeführt hatte, in den militanten Untergrund wechselte und seinen Kampf gegen Moskau fortan als Dschihad bezeichnete. Unter diesem Motto erfolgten dann sowohl die Geiselnahme im Moskauer Dubrovka-Theater von 2002, wo erstmals auch die als schwarze Witwen bekannten Selbstmordattentäterin in Erscheinung traten, sowie der Überfall auf die Grundschule von Beslan, bei dem zwischen dem 1. und 3. September 2004 insgesamt 186 Kinder getötet und etwa 800 verletzt wurden.

Die Stunde des Doku Umarov

Ungeachtet der Tatsache, dass beide Anschläge eine unverkennbare islamische Prägung aufwiesen, verfügten sie mit der Besetzung Tschetscheniens durch das russische Militär doch über ein politisches Motiv. Nachdem Moskau den Forderungen der Terroristen, seine Truppen unverzüglich abzuziehen, nicht entsprochen hatte, sondern stattdessen umso energischer gegen sie vorging, wurden die Netzwerke der Islamisten nachhaltig geschwächt. In dieser Stunde übernahm der Tschetschene Doku Umarov das Steuer, der 2006 zum Präsidenten der mittlerweile vollständig marginalisierten Republik Itschkerien geworden war und am 7. November 2007 das Kaukasus-Emirat proklamierte.

Das Kaukasus-Emirat

Obwohl das Emirat zu keiner Zeit über dieselben Ressourcen wie Al-Qaida oder die Taliban verfügte, konnte es sich innerhalb von drei Jahren – bis Ende 2009 hatte es bereits Hunderte Anschläge verübt – auf dem Parkett des weltweiten Dschihadismus etablieren, wo es unterhalb der vier Hauptfronten (Afghanistan, Pakistan, Syrien und dem Irak) eine exponierte Stellung einnahm. Bei seiner Gründung verlieh Umarov dem Emirat eine neue Organisationsstruktur, wobei er sich exakt an den in Koran und Sunna formulierten Vorgaben orientierte – genauso, wie es auch Imam Schamil 1839 bei der Schaffung seines Gottesstaates in Tschetschenien getan hatte. Dass das Projekt einer islamischen Theokratie durchaus ernst gemeint war, kann man nicht zuletzt auch daran erkennen, dass Umarov seinen tschetschenischen Namen zugunsten eines arabischen ablegte und sich künftig „Dokku Abu Usman“ nannte.

Aufbau und Machtvertikale

In seiner Funktion als Emir stand Umarov an der Spitze der Machtvertikale. Damit versah er ein Amt, das man in Hinblick auf die mit ihm verbundenen Kompetenzen gut mit dem des IS-Kalifen vergleichen kann, der im Gegensatz zu Umarov jedoch nicht nur die regionale, sondern die globale Führung der muslimischen Umma für sich reklamiert. Als Emir saß Umarov der Schura vor, einem islamischen Gremium, dem die bedeutendsten Führungspersonen des Emirats angehören. Zu ihnen zählen neben dem Naib (engster Vertrauter des Emir) und dem Kadi (oberster Rechtsgelehrter) auch der militärische Oberbefehlshaber sowie die Statthalter der fünf Provinzen (Vilayets), deren Territorium sich auf die Nogaier-Steppe, Dagestan, Tschetschenien, Inguschetien sowie die zu einer Einheit zusammengefassten Republiken Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien erstreckt.

Eigener Scharia-Gerichtshof

Genau wie der IS verfügt auch das Emirat über einen Gerichtshof, der die Scharia umsetzt, was auch das islamische Recht impliziert. Darüber hinaus unterhält das Emirat einen Geheimdienst, militärische Spezialeinheiten sowie eine Freiwilligen- und Märtyrerbrigade. Trotz seiner zahlreichen Institutionen handelt es sich beim Kaukasus-Emirat um eine dezentrale Struktur, die in einzelnen Zellen organisiert ist. Der wohl bedeutendste Unterschied zum Islamischen Staat ist demnach darin zu sehen, dass das Emirat als Untergrundorganisation in Erscheinung tritt, die über kein dauerhaft kontrolliertes Territorium verfügt.

Personenpotentiale 

Wie bei jeder Untergrundorganisation ist es auch im Falle des Emirats äußerst schwierig, genaue Angaben zur Größe seiner Anhängerschaft zu machen. Gleichwohl lässt sich sein Personenpotential anhand verschiedener Aussagen schätzen. FSB-Chef Alexander Bortnikov erklärte, man habe 2009 insgesamt 800 Dschihadisten ausgeschaltet. 2010 sollen 300 Kämpfer getötet sowie 500 verhaftet worden sein. Dem ehemaligen Generalgouverneur des Föderationskreis Nordkaukasus Alexander Chlopinin zufolge verfügte das Emirat 2011 nur noch über 1.000 aktive Kämpfer. An dieser Einschätzung sind jedoch erhebliche Zweifel angebracht.

Widersprüchliche Angaben

So vermeldete Putin im Oktober 2012 gegenüber der Presse 313 Tötungen sowie 497 Verhaftungen für das laufende Jahr. 2013 will der FSB weitere 260 Gotteskrieger vernichtet haben. Insider wie der in der Türkei lebende Bruder Umarovs berichten jedoch immer wieder davon, dass tatsächlich bis zu 5.000 Personen für das Emirat kämpfen. Nimmt man zur Kenntnis, dass seit der Gründung des IS im Jahr 2014 zwischen 3.000 und 6.000 Nordkaukasier – darunter mehrheitlich Tschetschenen –  nach Syrien gereist sind und führt sich vor Augen, dass das Emirat noch immer aktiv ist, erscheint letztere Angabe durchaus realistisch.

Islamischer Supranationalismus

Die genannten Zahlen beziehen sich allerdings nur auf den harten Kern aktiver Kämpfer. Daher darf man annehmen, dass die Anzahl heimlicher Unterstützer, die dem Emirat mit Nahrungsmitteln, Obdach und finanziellen Zuwendungen helfen, bedeutend höher liegt. Obwohl die Führungsriege des Emirats ursprünglich von Tschetschenen dominiert wurde, verfügen diese aufgrund des islamischen Supranationalismus nicht mehr über ihr bisheriges Monopol. Zudem gilt als erwiesen, dass die Kämpfer des Emirats ein Durchschnittsalter von 20 bis 25 Jahren aufweisen.

Finanzierung

Hatten sich die Islamisten Tschetscheniens während des ersten Krieges primär durch die Einnahmen der tschetschenischen Mafia, illegale Ölexporte, das florierende Entführungsgeschäft sowie die Zuwendungen islamischer Wohltätigkeitsorganisationen finanziert, schrumpfte der Kreis ihrer Geldgeber durch den zweiten Krieg immer mehr zusammen. Trotzdem gelang es, straffe Kontakte zur internationalen Dschihadisten-Szene zu knüpfen, wodurch potente Sponsoren aus den Golfstaaten akquiriert werden konnten. Damit ihr Kapital das Emirat erreichen kann, wird es gewöhnlich an Privatpersonen überwiesen, die es ihrerseits in sichere Kanäle transferieren.

Theologisch-ideologische Ausrichtung

Im Gegensatz zur Republik Itschkerien verfolgt das Emirat keine politischen Ziele. Vielmehr will es den von ihm geführten Dschihad als Kampf des Mono- gegen den Polytheismus verstanden wissen. Dies kann als Beweis dafür gelten, dass der ursprünglich politisch motivierte Kampf der Tschetschenen bis heute vollständig in einen religiösen Kontext transportiert worden ist. Da jeder Muslim als Apostat gilt, der die Autorität der Russischen Föderation sowie deren Gesetze anerkennt, ist die Überwindung der russischen Vorherrschaft im Kaukasus, die ohnehin als unrechtmäßige, da von Gott abgelehnte Ordnung gesehen wird, das oberste Ziel. Gemäß der theologischen Ausrichtung des Emirats sind sämtliche Muslime, die von dieser Sichtweise abweichen, mit dem Tode zu bestrafen.

Koran und Sunna als Maßstab

Dazu werden sie mittels der Takfir-Praxis zunächst zu Abweichlern erklärt und schließlich aus der Gemeinschaft der Muslime ausgeschlossen. Die von den theologisch gut ausgebildeten Ideologen des Emirats praktizierte Bigotterie wird von Moskau zurecht als extrem gefährlich eingeschätzt. Sie ist auch der Hauptgrund für das Streben der tschetschenischen Führung um Ramzan Kadyrov, eine eigene islamische Ideologie zu entwickeln. Dadurch soll verhindert werden, dass sich fromme Muslime aufgrund der prekären ökonomischen und sozialen Lage dem Emirat anschließen. Dass der Kreml alles auf diese Strategie gesetzt hat, erklärt, warum er Grozny seit Jahren mit horrenden Summen in Milliardenhöhe finanziert.

Verheerende Anschläge

Wozu das Emirat fähig ist, das man gut als Vorstufe des IS bezeichnen kann, zeigen die Anschläge auf die Moskauer Metro und den internationalen Flughafen Domodedovo aus den Jahren 2010 und 2011, bei denen insgesamt 78 Menschen starben und 258 verletzt wurden. Darüber hinaus hat das Emirat neben unzähligen kleineren Angriffen mit seinem Bombenschlag auf den Nevskij-Express (2009) in südrussischen Städten wie Stavropol, Vladikavkaz, Kisljar (2010), Naltschik (2011) und Wolgograd (2013) immer wieder auch größere Anschläge verübt, die in der europäischen Öffentlichkeit jedoch kaum Beachtung fanden.

Das Emirat als Provinz des IS

Die obigen Zusammenhänge machen deutlich, warum die 2014 von IS-Kalif Al-Bagdadi verkündete Fusion von Emirat und Islamischem Staat einen logischen Schritt darstellt. Erstens steht das Kalifat innerhalb der islamischen Ordnung über dem Emirat und damit nicht in direkter Konkurrenz zu ihm. Zweitens muss der Emir dem Kalifen in dessen Rolle als Anführer der Umma die Treue halten. Drittens stellt die Entsendung von Kämpfern nach Syrien eine gute Möglichkeit dar, um Kampferfahrung zu sammeln und sich mit anderen Organisation des globalen Dschihadismus zu vernetzen. Schließlich darf das Emirat nach dem Sieg des Kalifats mit schlagkräftiger Unterstützung rechnen. Tatsächlich haben nordkaukasische IS-Kämpfer bereits mehrfach angekündigt, den Dschihad in Zukunft auf ihre Heimat auszuweiten.

Hintermänner in Deutschland

Dass das Kaukasus-Emirat keineswegs nur in Russland aktiv ist, sondern auch in Europa über Hintermänner verfügt, geht aus einer Stellungnahme des BND von 2013 hervor. Damals erklärte der Geheimdienst, dass etwa 200 Anhänger des Emirats in Deutschland vermutet würden, die sich in erster Linie mit der Rekrutierung neuer Mitglieder sowie der Finanzierung der Terrororganisation beschäftigten. Dass Islamisten aus dem Nordkaukasus mittlerweile sehr wohl auch in Deutschland aktiv gegen die bestehende Ordnung vorgehen, zeigen die Ereignisse des vergangenen Jahres. Obwohl es schwierig ist, Prognosen über die Zukunft des Emirats abzugeben, darf als sicher gelten, dass es durch die enge Bindung an den IS zusätzlich an Gefährlichkeit gewonnen hat. Vor diesem Hintergrund täte Moskau gut daran, seine Bemühungen zur Vernichtung des Emirats zu intensivieren. Berlin hingegen muss bei der Überwachung vermeintlicher Gefährder unbedingt wachsam bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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