Europa, Russland und der Islam - Wahhabismus in Tschetschenien
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Wahhabismus in Tschetschenien

Nach dem Krieg mit Russland kam es in Tschetschenien zwischen 1996 und 1999 zu einer rasanten Ausbreitung des Islamismus. Der Blick zurück zeigt die Gründe: Sie liegen im totalen Versagen der tschetschenischen Regierung sowie in der Passivität Moskaus. Nach dem Ende des Krieges mit Russland hatten die Tschetschenen im Sommer 1996 tatsächlich vermocht, was niemand für möglich gehalten hatte. Mit der völlig überraschenden Rückeroberung Groznys war es ihnen nicht nur gelungen, die russische Armee militärisch zu schlagen, sondern auch ihre Führung an den Verhandlungstisch zu zwingen.

In den Verträgen von Chasawjurt, die Moskau am 22.8.1996 mit den Tschetschenen schloss, wurde dieser Erfolg schließlich historisch verbrieft. Obwohl man die Frage der Unabhängigkeit Tschetscheniens damals vertagte, gewann die kleine Nordkaukasusrepublik für drei Jahre doch ihre faktische Souveränität gegenüber Moskau.

Moskaus Fehlentscheidung hat Folgen

Damit erhielten die Tschetschenen erstmals die Gelegenheit, ihren Traum von einem eigenen Staat zu verwirklichen – ein Projekt, das in der Folgezeit jedoch fulminant scheitern sollte. Denn wie schon so oft in der tschetschenischen Geschichte zeigte sich nun erneut, dass man die eigene Situation völlig falsch einschätzte.

Schon bald wurde deutlich, dass es sich bei der Vorstellung um reine Utopie handelte, man könne ohne Weiteres ein eigenes Staatswesen schaffen und damit einen Gegenentwurf zur politischen Ordnung entwerfen, die Russland über Jahrhunderte hinweg im Nordkaukasus installiert hatte. Doch anstatt die Gefahr zu erkennen, die sich für den gesamten Nordkaukasus aus einem politisch instabilen Tschetschenien ergab, nahm Moskau seine Verantwortung als politische Zentralinstanz nicht wahr und ließ die Tschetschenen gewähren – eine fatale Fehlentscheidung.

Keine handlungsfähige Führung

Dass die Konsolidierung der tschetschenischen Gesellschaft in den folgenden Jahren misslang, hatte verschiedene Gründe. Entscheidend aber war, dass nach dem Ende des Krieges keine handlungsfähige Führung mehr existierte. Denn nach dem Tod General Dudaevs, den der russische Inlandsgeheimdienst kurz vor Kriegsende liquidiert hatte, waren die Tschetschenen der einzigen Person beraubt, der dazu in der Lage war, die Gesellschaft zu stabilisieren.

Mit Aslan Maschadov, der wie Dudaev ebenfalls auf eine Armeekarriere zurückblicken konnte, wurde bei den Neuwahlen vom 21. Januar 1997 dann ein Mann zum Präsidenten Tschetscheniens gekürt, dessen Einfluss längst nicht dazu ausreichte, um das Auseinanderdriften der vom Krieg geschundenen Gesellschaft zu verhindern. Obwohl Maschadov ohne Zweifel ein fähiger Militär war, der sein Können zuletzt mit den Planungen zur Rückeroberung Groznys unter Beweis gestellt hatte, war er als Präsident zu keiner Zeit fähig, eine eindeutige Linie zu verfolgen und dem stärker werdenden Einfluss islamistischer Kräfte Einhalt zu gebieten.

Der Wahhabismus als neue politische Kraft

Nun erwies sich als Tatsache, was russische Beobachter bereits seit geraumer Zeit befürchtet hatten. Seit Kriegsbeginn waren zahlreiche ausländische Kämpfer nach Tschetschenien gekommen, die den Konflikt mit Moskau als Fortführung jenes internationalen Dschihad verstanden, den ihre Gesinnungsgenossen Jahre zuvor in Afghanistan begonnen hatten.

Die Anwesenheit zahlreicher arabischstämmiger Dschihadisten war allerdings weniger in militärischer als vielmehr in politischer Hinsicht relevant, da es durch sie zu einem Import des Wahhabismus kam – jener radikalkonservativen Strömung des Islam, die bis heute als Staatsdoktrin in Saudi-Arabien herrscht. Zwar hatte Maschadov bereits kurz nach seinem Amtsantritt herausgestellt, nichts für die wahhabitische Ideologie übrig zu haben, da diese mit der tschetschenischen Kultur unvereinbar sei, doch ging er als Präsident erst viel zu spät gegen ihre Ausbreitung vor.

Der Wahhabismus fasst Fuß

Neben der Passivität Moskaus war damals also vor allem die lethargische Haltung Maschadovs dafür verantwortlich, dass die Islamisten ihren Einfluss im Land ausbauen konnten. Um die Logik dieses Prozesses zu verstehen, muss man sehen, dass deren Lager keineswegs nur von ausländischen, sondern sehr wohl auch von tschetschenischen Kräften unterstützt wurde. Bei diesen handelte es sich um Feldkommandeure, die während des Krieges militärische Verantwortung getragen und in dieser Weise großen Einfluss gewonnen hatten.

Vor diesem Hintergrund ist die Ausbreitung des Wahhabismus in Tschetschenien untrennbar mit dem Namen eines Mannes verbunden: Schamil Basaev. Im Gegensatz zu Maschadov träumte Basaev, der ursprünglich selbst einmal eine politische Karriere angestrebt hatte, davon, Tschetschenien in einen islamischen Gottesstaat zu verwandeln und war dazu bereit, diesen Plan gewaltsam durchzusetzen. Die Folgen dessen sind heute indes hinlänglich bekannt. Denn bis zu seinem Tod im Jahr 2006 sollte Basaev für die verheerendsten Terroranschläge der russischen Geschichte verantwortlich sein.

Die tschetschenische Gesellschaft zerbricht

Da es das oberste Ziel von Maschadovs Politik war, internationale Anerkennung für die Souveränität Tschetscheniens zu erlangen, wollte er einen Bürgerkrieg mit allen Mitteln verhindern. Dafür brauchte er aber die Gunst der Islamisten, weshalb Zugeständnisse ihnen gegenüber unvermeidbar blieben.

Ob sich Maschadov den Implikationen seines Handelns tatsächlich vollends bewusst war, ist nicht abschließend zu klären. Wohl aber steht fest, dass ihm seine inkohärente Strategie in politischer Hinsicht das Genick brach. Ein eindrücklicher Beleg hierfür ist, dass Maschadov 1997 noch öffentlich erklärt hatte, die vollständige Einführung der Scharia würde den Tod von 99 Prozent aller Tschetschenen bedeuten, sie zwei Jahre später dann aber schließlich doch gesetzlich etablierte. Damit hatte der Präsident eine entscheidende Weichenstellung zugunsten der Islamisten vorgenommen und war letztlich zu deren Handlanger geworden.

Moskau duldet die Scharia in Tschetschenien

Im Strafrecht hatte man die Scharia allerdings bereits 1996 zugelassen, als es unter Selimchan Jandarbiev, der das Präsidentenamt bis zu den Neuwahlen kommissarisch verwaltete, zur Abschaffung aller weltlichen Gerichte sowie zur Gründung eines Obersten Schariagerichtshofes kam, dessen Grundlage eine Kopie des sudanesischen Strafgesetzbuches war.

Doch selbst als am 3. September 1997 im Zentrum Groznys öffentliche Exekutionen stattfanden, blieb Moskau untätig. Und schlimmer noch: Mit der Duldung der Scharia in Tschetschenien akzeptierte der Kreml faktisch die Außerkraftsetzung föderalen Rechts und stellte damit klar, dass die Islamisten keine Konsequenzen zu befürchten hatten.

Die Eskalation der Gesamtlage

Obwohl Maschadov damals noch die Unterstützung Achmat Kadyrovs genoss, der das Amt des Muftis von Tschetschenien versah und von 2003 bis 2004 selbst tschetschenischer Präsident war, gelang es nicht mehr, den wachsenden Einfluss der Islamisten einzudämmen, die mittlerweile ein Bündnis mit den mächtigsten Feldkommandeuren geschlossen hatten.

Dass die Regierung ihre Macht vollends eingebüßt hatte, zeigte sich dann im August 1999, als hunderte Islamisten unter der Führung Basaevs in Dagestan einfielen, um von dort aus ein islamisches Kalifat in Nordostkaukasien zu errichten. Zur selben Zeit verließen bereits 100.000 Tschetschenen ihre Heimat; die verbliebene Bevölkerung, die sehr unter der Herrschaft der Islamisten litt, befürwortete später sogar den Einmarsch russischer Truppen.

Moskau interveniert

Erst als endgültig klar wurde, dass Tschetschenien zu einem akuten Sicherheitsrisiko für die Stabilität der gesamten Nordkaukasusregion geworden war, griff Moskau ein. Die Folgen dieser verspäteten Intervention konnten indes bitterer kaum sein. Denn durch den Beginn des Zweiten Tschetschenienkrieges kam es auch in den übrigen Republiken des Nordkaukasus zu einer raschen Ausbreitung des Wahhabismus. Die am 7. Oktober 2007 erfolgte Proklamation des Emirats Nordkaukasien, dessen Einflussbereich weit über die Grenzen Tschetscheniens hinausreichte, kann demnach als direkte Folge des politischen Versagens der tschetschenischen Regierung sowie der Passivität Moskaus gelten.

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Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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