Europa, Russland und der Islam - Vollverschleierung in Deutschland – Warum die Akzeptanz von Burka und Nikab gefährlich ist
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Vollverschleierung in Deutschland – Warum die Akzeptanz von Burka und Nikab gefährlich ist

Nach den jüngsten Anschlägen hat das Thema öffentliche Sicherheit oberste Priorität in der Politik. Inwieweit muss dabei das im Grundgesetz garantierte Recht auf Religionsfreiheit berücksichtigt werden? Im Zentrum dieser Debatte steht aktuell die islamische Vollverschleierung – ein Phänomen, das längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Seit sich die Innenminister der CDU in der „Berliner Erklärung“ darauf geeinigt haben, die islamische Vollverschleierung künftig in speziellen Bereichen des öffentlichen Raums zu verbieten, ist nichts mehr so wie zuvor. Hatte das Tragen religiöser Garderobe bislang noch als unantastbares Bürgerrecht gegolten, zeichnet sich nun ab, dass dieser Grundsatz bereits in naher Zukunft nicht mehr uneingeschränkt gelten könnte. Denn mithilfe eines neuen Gesetzes soll die Vollverschleierung konsequent aus dem öffentlichen Dienst sowie aus dem Straßenverkehr verbannt werden; Verstöße dagegen wären dann als Ordnungswidrigkeit zu ahnden.

Sicherheitspolitische Argumente

Obwohl zuweilen auch Unionspolitiker, deren Partei sich das Thema „Sicherheit“ mit besonders grellen Farben auf die Fahnen geschrieben hat, darüber streiten, ob es bei dem Verbot eher um den Schutz der Bevölkerung oder um ein Bekenntnis zu unserer auf den Prinzipien von Offenheit und Kommunikation basierenden Gesellschaft geht, kann kein Zweifel daran bestehen, dass in Wahrheit vor allem sicherheitspolitische Überlegungen eine Rolle spielen. Denn in einer Zeit, da islamistische Terroristen dazu in der Lage sind, mit geringem Aufwand verheerende Anschläge zu verüben, ist kaum plausibel zu begründen, wie man hinnehmen kann, dass sich Personen durch den öffentlichen Raum bewegen, deren Identität durch das Tragen von Burka oder Nikab nicht feststellbar ist.

Die Gesellschaft verändert sich

Außer Frage steht, dass durch den Zuzug von Menschen aus Ländern, in denen gegenwärtig Strömungen des orthodoxen Islam dominieren, vermehrt auch Symbole nach Deutschland gelangen, die als Ausdruck einer konservativen Interpretation islamischer Gebote gelten. Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die durch die Flüchtlingskrise stark an Bedeutung gewonnen hat.

Darüber hinaus zeigt sich, dass es aber auch unter den in Deutschland lebenden Muslimen immer häufiger Fälle gibt, in denen sich Personen für die Verschleierung entscheiden und dabei nicht davor zurückschrecken, die Forderung nach Rücksicht auf die islamische Kleiderordnung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft mit juristischen Mitteln durchzusetzen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind eindeutig

Da der politische Diskurs gegenwärtig vor allem in dem oben skizzierten Rahmen geführt wird, bleiben gewichtige Argumente unbeachtet, deren Wirkungskraft auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Dies ist insofern problematisch, als sie einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Debatte über das Verbot der islamischen Vollverschleierung um wichtige Aspekte zu erweitern.

Zwar stehen aktuell kaum Untersuchungen zur Verfügung, die sich explizit mit dieser Frage befassen, doch kann man zu ihrer Klärung auf eine Reihe verschiedener Studien aus der Vergangenheit zurückgreifen, in denen wichtige Teilaspekte des Problems behandelt werden. Bei ihrer Analyse zeigt sich, dass auch aus wissenschaftlicher Sicht stichhaltige Argumente für ein Verbot der islamischen Vollverschleierung sprechen.

Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“

Im Kern einer differenzierten Behandlung des Themas steht eine zentrale Erkenntnis der 2009 vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge publizierten Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“, die sich unter anderem mit dem Tragen des Kopftuches befasst. Obwohl das Kopftuch im Gegensatz zur Burka weder die Persönlichkeit eines Menschen verbirgt, noch einer uneingeschränkten Kommunikation mit seinem Träger im Wege steht, sind Untersuchungen zu seiner Bedeutung für die Integration von Muslimen auch in Hinblick auf Burka und Nikab richtungsweisend, weil in beiden Kleidungsstücken eine konservative Interpretation islamischer Gebote zum Ausdruck kommt.

„Stärker an Herkunftsland als an Deutschland gebunden“

Vor diesem Hintergrund heißt es: „Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es sich bei den kopftuchtragenden Musliminnen mehrheitlich um selbstbewusste, religiöse Frauen handelt, die sich, auch wenn sie in Deutschland geboren sind, emotional stärker an ihr Herkunftsland als an Deutschland gebunden fühlen.“ Dass dieser Effekt von der Politik nicht gewollt sein kann, weil er die Integration von Muslimen offenkundig behindert, steht außer Frage.

Dieser Grundsatz gilt zudem umso mehr, als die gegenwärtige Migration nach Deutschland von einer stetig wachsenden Gruppe von Menschen muslimischen Glaubens geprägt ist. Hinzu kommt, dass die Anzahl von Musliminnen, die im Alltag das Kopftuch tragen, der Studie zufolge bei sunnitischen Migranten aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika am größten ist. Dies geht auch mit der Feststellung konform, dass die Religiosität bei Sunniten insgesamt die stärksten Ausprägungen annimmt.

92 Prozent gaben an, Kopftuch aus „religiösen Gründen“ zu tragen

Aber auch die Motive, die dem Tragen des Kopftuches und damit dem Bekenntnis zur islamischen Verschleierung zugrunde liegen, erweisen sich in der Debatte um Burka und Nikab als aufschlussreich. So gaben insgesamt 92,3 Prozent der im Rahmen der Studie befragten Frauen an, das Kopftuch aus „religiösen Gründen“ zu tragen, während 36 Prozent erklärten, dies zu tun, „um in der Öffentlichkeit als Muslima erkennbar zu sein.“

Diese Aussagen sind insofern von Bedeutung, als sie belegen, dass der Mehrheit religiöser Musliminnen in Deutschland die Einhaltung islamischer Gebote offenbar wichtiger ist als ihre eigene Integration. Dass vielen von ihnen auch die visuelle Demarkation gegenüber der Mehrheitsgesellschaft am Herzen liegt, deutet zudem nicht gerade auf die Verinnerlichung eines „Wir-Gefühls“ hin. Vielmehr wird eine starke Bindung an die eigene Glaubensgemeinschaft deutlich.

Studie: Religiöse Muslime haben weniger Kontakt zu Deutschen

Dass die islamische Vollverschleierung die Integration hingegen nicht nur zusätzlich behindert, sondern nahezu unmöglich macht, kann man daran erkennen, dass die generelle Schwierigkeit von Muslimen, sich der Mehrheitsgesellschaft anzunähern, eindeutig mit dem Grad ihrer religiösen Frömmigkeit korreliert.

Vor diesem Hintergrund erfolgt auch die folgende Feststellung: „Unter Muslimen haben diejenigen den meisten Kontakt zu Deutschen, die eher selten Gottesdienste oder religiöse Veranstaltungen besuchen (80 Prozent) […] Unter der Gruppe der Muslime weisen regelmäßige Gottesdienstbesucher die geringste Kontaktdichte zu Deutschen auf.“

Ausdruck von tiefer Religiosität

Da unbestritten ist, dass das Tragen von Burka und Nikab sowohl in islamischen Kreisen als auch in der westlichen Wahrnehmung mehr noch als der Moscheebesuch als Ausdruck von tiefer Religiosität verstanden wird, lässt sich die obige Erkenntnis ohne Einschränkungen auf das Phänomen der islamischen Vollverschleierung übertragen. Dass man es aufgrund der strukturellen Beschaffenheit der seit September 2015 erfolgenden Migration nach Deutschland mehrheitlich mit Musliminnen zu tun hat, die in diesem Sinne als fromm bzw. gläubig gelten, geht indes ebenfalls aus der Studie hervor.

So beschrieben sich insgesamt 40 Prozent der aus Nordafrika stammenden Musliminnen als „sehr stark gläubig“, während 53 Prozent angaben, „eher gläubig“ zu sein. Die Vergleichsdaten für den Nahen Osten beliefen sich dabei auf 25,4 bzw. 65,1 Prozent. Es ist offensichtlich, dass diese Werte in krassem Widerspruch zu den hiesigen Verhältnissen stehen, denen zufolge die Religiosität der Bevölkerung seit Jahrzehnten abnimmt.

Studie: Kopftuchträgerinnen sind schlechter in der Schule

Eine weitere Erkenntnis, die bei der Beurteilung der Frage eine wichtige Rolle spielt, ob Burka und Nikab in die deutsche Gesellschaft passen, besteht in den Auswirkungen, die bereits das Tragen des Kopftuches auf die in Deutschland erworbene Schulbildung hat. Dabei hat man festgestellt, „dass Musliminnen, die ein Kopftuch tragen […] besonders schlechte Ausgangsvoraussetzungen aufweisen. Sie verfügen deutlich seltener über mittlere oder hohe Schulabschlüsse als muslimische Bildungsausländerinnen, die kein Kopftuch tragen, oder sonstige Religionsangehörige.“

Weiter heißt es: „Musliminnen mit Kopftuch bilden unter den in Deutschland aufgewachsenen Frauen aus muslimisch geprägten Ländern nun das Schlusslicht und weisen anteilig am seltensten hohe oder mittlere Schulabschlüsse auf.“

Sollen Ausländer in Deutschland ihre Kultur beibehalten?

Dass offenbar selbst ein jahrelanges Leben in Deutschland nicht zwingend zur Integration von Muslimen führen muss, ist eine Erkenntnis, die die 2007 vom Innenministerium herausgegebene Studie „Muslime in Deutschland“ zu Tage gefördert hat. In ihr zeigt sich, dass innerhalb der Gruppe der muslimischen Migranten insgesamt 71,6 Prozent die Meinung vertreten, Ausländer in Deutschland sollten ihre Kultur beibehalten. Daher kommen die federführenden Forscher zu dem Schluss, dass „drei Viertel der Befragten völlig der Aussage zustimmen, Zuwanderer sollten auch in Deutschland die Kultur ihres Herkunftslandes weiter pflegen.“ Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass Integration unter diesen Umständen nicht gerade leichtfällt.

Generelles Verbot empfehlenswert

Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten erscheint die Debatte über die islamische Vollverschleierung plötzlich in einem gänzlich anderen Licht. Dabei zeigt sich, dass es keineswegs nur um die Frage geht, inwieweit das Recht auf Religionsfreiheit gegenüber der Pflicht des Staates zur Geltung kommt, für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen. Denn ebenso spielt eine Rolle, dass mit seiner uneingeschränkten Gültigkeit, verschiedene Implikationen verbunden sind, die sich unmittelbar auf die Integration von Muslimen, ihren langfristigen Erfolg und damit auch auf das soziale Klima in Deutschland auswirken. Aus diesem Grund wäre ein generelles Verbot der islamischen Vollverschleierung vernünftig – ganz abgesehen davon, dass sie ein Frauenbild verkörpert, das nicht nach Europa passt.

Bildnachweis: ffffff von leeno. Lizenziert unter: CC BY-NC 2.0

About the author

Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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