Europa, Russland und der Islam - Russlands Erfahrungen mit Terrorismus
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Russlands Erfahrungen mit Terrorismus

Russland gehört zu den Ländern, die die meisten Zivilisten durch Terroranschläge verloren haben. Der Westen sollte daher beim Kampf gegen den IS einen genauen Blick auf die Anti-Terror-Einsätze der Russen werfen: Sie zeigen nämlich, welche verheerenden Folgen übereilte Reaktionen auf Terroranschläge haben können.

Die Terroranschläge, die der Islamische Staat am 13. November 2015 in Paris verübt hat, haben nicht nur Frankreich bis ins Mark getroffen, sondern auch die gesamte Weltöffentlichkeit zutiefst entsetzt. Elf Monate nach dem Angriff auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hat sich abermals gezeigt, dass die Bevölkerung europäischer Staaten jederzeit zum Opfer von terroristischen Anschlägen werden kann. Vor diesem Hintergrund beraten gegenwärtig die Staatschefs der EU über eine angemessene Reaktion.

Selbstverständlich kann heute noch niemand sagen, welche Strategie künftig am besten dazu geeignet ist, dem IS-Terror Einhalt zu gebieten, wohl aber lassen sich wichtige Erkenntnisse aus den Erfahrungen gewinnen, die andere Länder in der Vergangenheit mit von Islamisten begangenen Anschlägen gemacht haben.

Russland hat die größte Erfahrung mit islamistischem Terrorismus

Angesichts der hohen Opferzahl betrachten die meisten Europäer den 11. September 2001 bis heute als Sinnbild von islamistischem Terrorismus. Dieser Eindruck ist jedoch irreführend. Denn vielen Menschen ist nicht bewusst, dass nicht etwa die USA, sondern Russland bisher am stärksten von Anschlägen durch Islamisten erschüttert worden ist und daher auch über die größte Erfahrung im Umgang mit ihnen verfügt.

Bei der Entscheidung darüber, welcher Strategie eine Reaktion auf die Anschläge von Paris am besten folgen muss, sollte man also unbedingt auch die Erfahrungen Russlands berücksichtigen, wo sich in den vergangenen 20 Jahren eine Vielzahl verheerender Anschläge ereignet hat.

Schwerwiegende Fehler dürfen nicht wiederholt werden

Die islamistischen Terroranschläge in Russland sind jedoch nicht nur wegen ihrer quantitativen Dimension erhellend. Denn an ihrem Beispiel wird deutlich, welch fatale Konsequenzen eine übereilte und damit falsche Reaktion zur Folge haben kann – ein Szenario, dass die westliche Staatengemeinschaft in Hinblick auf den IS unbedingt vermeiden sollte.

Als im Juni 1995, während des Ersten Tschetschenienkrieges, eine Gruppe von 195 schwerbewaffneten Terroristen unter dem Kommando des tschetschenischen Islamisten Schamil Bassajew das Krankenhaus der südrussischen Stadt Budjonnowsk besetzte und dabei 1600 Geiseln nahm, machte sich die russische Regierung wenig später des totalen Versagens schuldig, indem sie keine kohärente Strategie verfolgte.

So ließ sie das Gebäude zunächst stürmen, erklärte sich dann jedoch zu Verhandlungen bereit und gewährte schließlich allen verbliebenen Terroristen freies Geleit nach Tschetschenien. Die Bilanz dieses Tages musste daher verheerend ausfallen: Insgesamt 129 Menschen hatten ihr Leben verloren, 495 Geiseln waren zum Teil schwer verletzt worden. Hätte man sich damals zu einem vehementen Vorgehen entschlossen und Bassajew liquidiert, wäre es später nicht zu den verheerendsten Terroranschlägen der russischen Geschichte gekommen.

In manchen Situationen ist militärische Gewalt die einzige Option

Die Erfahrung, dass es sehr wohl Situationen gibt, in denen militärische Gewalt das geeignetste Mittel darstellt, um terroristische Bedrohungen zu eliminieren, musste Moskau dann im August 1999 machen. Genau wie im Falle des IS 2014 fielen auch damals tausende Islamisten ins benachbarte Dagestan ein, um in den Berggebieten der größten Republik des Nordkaukasus ein Kalifat zu konstituieren.

Auch hier gingen die Angreifer bei ihrem Vormarsch mit äußerster Brutalität vor, indem sie russische Soldaten sowie einheimische Polizeiangehörige vor laufender Kamera enthaupteten. Dass dieser einem Krieg gleichende Kampf schließlich nach einem Monat beendet werden konnte, lag einzig daran, dass Moskau damals nicht zögerte, das Militär einzusetzen – die richtige Entscheidung. Trotzdem hätten die Folgen des Überfalls katastrophaler nicht sein können. Denn durch ihn stürzte Bassajew nicht nur Dagestan ins Chaos, sondern riss auch Tschetschenien in den Abgrund eines zweiten Krieges, der bereits wenige Wochen später begann und den gesamten Nordkaukasus für mehr als ein ganzes Jahrzehnt destabilisierte – mit fatalen Folgen für Russland.

Moskau hat für die falsche Strategie bitter bezahlt

Die wohl schwerwiegendste Konsequenz des Zweiten Tschetschenienkrieges bestand nun in einem Export von islamistischem Terrorismus in russische Städte. Als im Oktober 2002 bekannt wurde, dass Terroristen im Moskauer Dubrowka-Theater eine Geiselnahme begonnen hatten, war den meisten Russen sofort klar, dass tschetschenische Islamisten dafür verantwortlich waren.

Im Gegensatz zu Budjonnowsk hatte die russische Regierung diesmal jedoch nicht vor, die Geiselnehmer entkommen zu lassen und ließ das Gebäude stürmen. Wie sich nun zeigte, hatte man damit allerdings die falsche Strategie gewählt. Denn durch den Einsatz von Nervengas, das eigentlich nur die Terroristen hätte außer Gefecht setzen sollen, kamen auch 129 Zivilisten ums Leben. Bassajew, der sich wenig später zu dem Anschlag bekannte, jedoch nicht persönlich teilgenommen hatte, blieb indes unbehelligt.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen überraschte es umso mehr, dass Moskau dann in Beslan, wo sich tschetschenische Islamisten am 1. September 2004 auf Befehl Bassajews in einer Grundschule verschanzten und 1128 Geiseln nahmen, zum zweiten Mal für eine aggressive Strategie entschied. Denn die dadurch verschuldete Eskalation hatte zur Folge, dass bei der planlos wirkenden Erstürmung des Gebäudes insgesamt 334 Menschen, darunter 186 Kinder, von den Terroristen getötet wurden.

Militärische Gewalt allein führt niemals zum Erfolg

Aus der Chronologie des islamistischen Terrorismus in Russland kann man ersehen, dass Militäraktionen in bestimmten Fällen zwar durchaus sinnvoll, ja sogar zwingend erforderlich sein können, mittel- bis langfristig jedoch nicht als Konfliktlösung in Frage kommen und manchmal sogar verheerende Folgen haben können. Dabei handelt es sich um eine Lektion, die mittlerweile auch Moskau gelernt hat. Denn die politische Stabilität, die bis heute in Tschetschenien eingekehrt ist und dem geschundenen Land eine Phase des Wiederaufbaus ermöglicht hat, wurde nicht etwa durch eine Fortführung des Krieges, sondern durch politische Reformen und die Stärkung einer neuen Regierung erreicht. Von dieser Erkenntnis könnten auch die Europäer profitieren, wenn sie über eine gemeinsame Linie gegen den IS beraten. So lehrt uns die Erfahrung Russlands, dass Militäroperationen allein die Terrorgruppe wohl nicht aus Syrien und dem Irak vertreiben werden.

Bildnachweis: Акция солидарности у посольства Франции von Vladimir Varfolmoeev. Lizenziert unter CC BY-NC 2.0

About the author

Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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