Europa, Russland und der Islam - Der Islam als Seele der tschetschenischen Nation
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Der Islam als Seele der tschetschenischen Nation

Der Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien besteht seit Jahrhunderten. Eine wichtige Rolle dabei spielt der Islam. Im 20. Jahrhundert plante der Erzfeind, Tschetschenien aus der Geschichte zu tilgen. Doch islamische Netzwerke ermöglichten das Überleben der in Stücke gerissenen Nation.

Dass der russisch-tschetschenische Konflikt weitaus älter ist als die Kriege, die Moskau nach dem Zusammenbruch der UdSSR in Tschetschenien geführt hat, ist kein Geheimnis. Den wenigsten ist allerdings bekannt, wo seine historischen Wurzeln liegen und welche Rolle Religion für ihn gespielt hat. Wie gezeigt, liegt mit dem Sufismus in Tschetschenien eine Variante des Islam vor, die innerhalb des religiösen Spektrums als gemäßigt gilt, da sie weder militante Prägungen aufweist noch politische Ambitionen kennt.

Der Islam hat sich unter dem russischen Druck verändert

Um das Phänomen des tschetschenischen Islamismus zu verstehen, muss man einen Blick auf das Verhältnis zu Russland werfen. Denn die Chronologie seiner Ereignisse zeigt deutlich, wie sich der Islam in Tschetschenien unter dem Eindruck des kolonialen Drucks des russischen Staates im Laufe der Zeit verändert hat.

Anhand der Quellen lässt sich der russisch-tschetschenische Widerstreit bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Damals hatte das Zarenreich gerade erste Militärstützpunkte am Terek gegründet, um seine Macht von dort aus über Tschetschenien auszudehnen. Wie für Kolonialmächte nicht unüblich, versuchte Russland bereits früh, regionale Machteliten in die eigenen Herrschaftsstrukturen zu integrieren, um mit ihrer Hilfe die indigene Bevölkerung zu regieren.

Der Beginn einer Gewaltspirale

Dieses Prinzip, das Andreas Kappeler „Steppenpolitik“ genannt hat, konnte in Tschetschenien aber nicht funktionieren, da seine klassenlose Stammesgesellschaft keine Nobilität, also eine Adelsschicht, hervorgebracht hatte. Der Versuch, die Tschetschenen deshalb militärisch zu unterwerfen, führte somit 1707 zur ersten aktenkundigen Konfrontation beider Völker. Dadurch wurde eine Gewaltspirale in Gang gesetzt, die sich mit wenigen Unterbrechungen bis ins 21. Jahrhundert gedreht hat.

Widerstand gegen die Besatzung

Da die zarische Militärverwaltung die Tschetschenen von Anfang an als Untertanen behandelte, zwang es ihnen das Prinzip der Servilität auf – eine repressive Gesellschaftsordnung, die ihrer auf der Freiheit des Individuums basierenden Kultur völlig fremd war. Vor diesem Hintergrund kam es 1757 zu einem Großaufstand gegen die russische Besatzung, worauf das Zarenreich mit unzähligen Strafexpeditionen reagierte und das kleine Land in einen dreißigjährigen Krieg stürzte.

Dem Kolonisationsdruck Russlands ausgeliefert, mussten die Tschetschenen Mittel und Wege finden, um der Gefahr ihrer physischen Vernichtung zu begegnen. Dass der Islam das geeignetste Instrument dafür darstellte, zeigte sich schließlich 1785, als die Tschetschenen erstmals in seinem Namen gegen das Zarenreich aufbegehrten. Da die Quellen jedoch eindeutig zeigen, dass der Islam damals nur oberflächlich in Tschetschenien verankert war, muss man den Widerstand eher als politische Reaktion auf die russische Besatzung denn als Ausdruck von religiösem Fanatismus sehen.

Die Schuldfrage

Es wäre jedoch falsch, die Verantwortung für die Genese des tschetschenischen Islamismus ausschließlich in der zarischen Politik zu suchen. Da die Tschetschenen in der Folgezeit immer häufiger Razzien gegen die russischen Linien unternahmen, dabei Menschen raubten sowie das Vieh forttrieben, und das Zarenreich den Widerstand des als Banditen inkriminierten Bergvolkes unbedingt brechen wollte, härteten die Fronten bis ins frühe 19. Jahrhundert weiter aus.

Dschihad als Befreiungskrieg

Ohne über eine profunde Islamexpertise zu verfügen, deklarierten tschetschenische Anführer ihren Kampf gegen Russland, der mittlerweile zur politischenultima ratiogeworden war, seit den 1820er Jahren als Dschihad. Im folgenden Jahrzehnt schlossen sie dann ein Bündnis mit Muslimen aus Dagestan, die unter der Führung von Imam Schamil in den 1840er Jahren ein theokratisches Staatswesen im Nordkaukasus konstituierten, das für 30 Jahre zum Wellenbrecher des Zarismus in der Region werden sollte.

Nachdem das Zarenreich den Krieg, der mittlerweile im gesamten Nordkaukasus entbrannt war, 1859 schließlich gewinnen konnte, ging es dazu über, als gefährlich geltende Bergvölker zu deportieren. Mit dem Exodus der Tscherkessen ins Osmanische Reich stellte Russland unter Beweis, dass es dazu in der Lage war, das größte Volk der Region zu vernichten – ein Schicksal, das den Tschetschenen im 20. Jahrhundert blühte.

Der Traum von Freiheit

Da die Bolschewiki den Tschetschenen nach ihrer Machtübernahme die Freiheit versprachen, wurde ihre Bewegung im Bürgerkrieg zunächst von Tschetschenien aus unterstützt. Allerdings zeigte sich bald, dass die Tschetschenen als muslimisches Bergvolk nicht dem neuen Menschenbild des Sowjetstaates entsprachen. Da sie auf den Versuch, sie in die sozialistische Zwangsjacke zu zwängen, mit Gewalt reagierten, wurden sie in der Wahrnehmung der Zentralmacht schnell zum Staatsfeind.

Die Deportation

Als Kaukasier wusste Stalin, dass die Tschetschenen eher sterben würden, als sich einer Staatsmacht zu beugen, deren atheistische Doktrin sie zu archaischen Wilden degradierte. Deshalb traf er die Entscheidung, das Problem endgültig zu lösen. Was nun geschah, sollte das russisch-tschetschenische Verhältnis für immer vergiften. Am 23. Februar 1944 wurde das gesamte tschetschenische Volk vom NKWD nach Kasachstan deportiert. Wer nicht mitgehen konnte, wurde sofort getötet.

Im Anschluss an die Aktion, bei der ein Drittel ihrer Bevölkerung ums Leben kam, begann Phase zwei des Plans – die Tschetschenen sollten aus der Geschichte entfernt werden. Dazu wurde ihr Land slawisch besiedelt, Toponyme verändert, Friedhöfe nivelliert und Einträge aus Enzyklopädien entfernt. In der Verbannung waren es dann islamische Netzwerke, die das Überleben der in Stücke gerissenen Nation ermöglichten.

Bürger zweiter Klasse

Zwar durften die Tschetschenen seit 1957 in ihre Heimat zurückkehren, doch waren sie Fremde im eigenen Land geworden. Von der Zentralmacht marginalisiert, lebten 76 Prozent von ihnen in Dörfern, weshalb Grozny eine russische Stadt war. 1957 hatten von 10.000 Tschetschenen lediglich 19 einen mittleren Bildungsabschluss, die Kindersterblichkeit war wegen der schlechten medizinischen Versorgung eine der höchsten der UdSSR.

Hoffnung auf Souveränität

Durch das Kollabieren des Sowjetstaates witterten die Tschetschenen schließlich Morgenluft. In der Hoffnung, zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen eigenen Staat zu gewinnen, folgten sie mit Dschochar Dudaev einem Mann, der als Luftwaffengeneral Karriere gemacht hatte. Doch anstatt sein Volk in die Freiheit zu führen, riss er es durch seine konfrontative Politik in den Abgrund eines neuen Krieges, den das junge Russland schon allein aus Selbsterhaltungstrieb zu führen bereit war.

Die Gewalt geht weiter

Die Tschetschenienkriege waren dann der nächste Akt der 250 Jahre währenden Gewalthistorie. Wie zuvor, klammerten sich die militärisch weit unterlegenen Tschetschenen erneut an die Idee, im Namen des Islam für eine gerechte Sache zu streiten. Dass der Krieg, wie auch der gesamte Konflikt, in Wahrheit überhaupt keine religiösen Ursachen hatte, wurde schnell bedeutungslos, da die Gewalt zu einer Radikalisierung zahlreicher Kombattanten führte. Das Resultat des 1996 beendeten Krieges war fatal: 80.000 Tschetschenen waren umgekommen. Da Islamisten faktisch die Macht übernommen hatten, musste Moskau 1999 erneut intervenieren. Mittlerweile ist es ruhig geworden in Tschetschenien. Die Menschen sind des Kampfes müde. Allerdings weiß niemand, für wie lange.

About the author

Christian Osthold ist Historiker und hat sich auf die Geschichte Russlands und insbesondere Tschetscheniens spezialisiert.

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